Bericht 1971

Eintrag 237

BERICHT über die musikwissenschaftlichen Arbeiten in der Deutschen Demokratischen Republik

Diss.
Zum Bericht 1971

Viertel, Karl-Heinz: Untersuchungen zur Ästhetik und Aufführungspraxis der italienischen Opera seria des 18. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Affekten-Erkennung. - Leipzig, Phil. Diss., 1971, 233 S.

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die heute fast unbekannten Artikel Johann Jacob Henkes über die Affektenlehre in der Musik, die er in seiner Zeitschrift "Der Musicalische Patriot" (Braunschweig 1742) veröffentlichte. Dieses Zeitdokument wird durch Belege aus Kompositionslehren und durch die außerordentliche Rolle, welche die Ars oratoria auch für die Aufführungspraxis wie Interpretation musikalischer Werke spielte, ergänzt. Bedeutsam ist die Erkenntnis, daß die Begründung der Arienaffekte nach psychologischen Gesichtspunkten erfolgte und von Schematismus der Gestaltung keine Rede sein kann. Auf der Bühne war es die Aufgabe der darstellenden Sänger, den Affekt transfigurativ so lebendig zu verkörpern, daß er durch die Einheit von Darstellung und Gesang auch beim Publikum ausgelöst wurde. Bei der Rollenaestaltung, bei der dramaturgischen Disposition einer Oper durch Librettist und Komponist, wie bei der Inszenierung durch den Regisseur (dessen tatsächliche Existenz nachgewiesen werden kann, so am Beispiele Metastasios) spielen Logik, Psychologie und die gesellschaftliche Determiniertheit eine große Rolle. Zusammenfassend zeigt das bearbeitete Material eindeutig, daß undifferenzierte Auffassungen, es handele sich bei der italienischen Opera seria des 18. Jahrhunderts um "gestelztes Barock", um "Arienbündel" keineswegs den tatsächlichen Sachverhalt treffen. Die italienische Opera seria sollte vielmehr, wie die philosophischen Zeugnisse der damaligen Zeit ausweisen, unter dem Aspekt der Ideen der Aufklärung und der damit verbundenen Emanzipation des Bürgertums gesehen und beurteilt werden.

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