Bericht 1974

Eintrag 92

BERICHT über die musikwissenschaftlichen Arbeiten in der Deutschen Demokratischen Republik

Artikel
Zum Bericht 1974

Goldschmidt, Harry: Musikverstehen als Postulat. - In: Faltin, P. u. H. P. Reinecke (Hrsg.): Musik und Verstehen. Aufsätze zur semiotischen Theorie, Ästhetik und Soziologie der musikalischen Rezeption. - Köln: A. Volk, H. Gerig 1973. S. 67-86.

Behandelt werden implizites und explizites Verstehen, spontanes und kognitives Verstehen, Interferenz zwischen musikalischem Verstehen und Musikverstehen infolge der gedoppelten Immanenz von Ästhetischem und Sozialem. Essentielles und partielles Verstehen setzen ästhetische Aneignung voraus und sind nicht als Äquivalent ästhetischen Verstehens zu determinieren, da sie auch im Mißverstehen vollziehbar sind. Mißverstehen setzt seinerseits die Möglichkeit objektiven Verstehens voraus. Kennen und Vertrautheit bieten ebensowenig Gewähr eines gesicherten Verstehens im Sinne des Begreifens. Dieses ist nur im Vermögen gegeben, jedweden Gegenstand sinnlicher Anschauung, mithin auch den Kunstgegenstand, gedanklich zu erfassen. Die neuen Denkmodelle, vermittelt durch Informationstheorie und Semiotik, zielen auf die Überwindung des metaphorischen Sprachgebrauchs für Musik als "Sprache". Die semantischen Aphorien in den gegenwärtigen Darstellungsweisen von Musik ergeben sich aus der dualistischen Axiomatik ihres bald für fragmentarisch, bald überhaupt für unsignifikativ gehaltenen Zeichencharakters. Das historisch-systematisch verfehlte Leitbild der Musik als einer instrumentellen Kunst mit Prävalenz des Instrumentalbereichs und die nachgeordnete Modalität von "vokal" und "instrumental" lassen Vokalmusik als unentbehrliches Übungsfeld aller auf adäquates Verstehen gerichteten semantischen Analysen erscheinen. Erst die volle analytische Ausnützung der Sprachfähigkeit der Musik wird es ermöglichen, an die "Vermittlungen" heranzukommen, um den vielfach für unüberbrückbar gehaltenen Abstand zwischen Kunstwerk und Gesellschaft methodisch zu überwinden.

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