Bericht 1974

Eintrag 93

BERICHT über die musikwissenschaftlichen Arbeiten in der Deutschen Demokratischen Republik

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Goldschmidt, Harry: Die Cavatina des Figaro. Eine semantische Analyse. - In: Beiträge zur Musikwissenschaft. 15 (1973), S. 185-207.

Versuch der Analyse eines Musikstückes im Sinne deskriptiver Semantik. Es erfolgt die methodische Untersuchung der Zeichenfelder im instrumentalen Teilsystem von Vokalmusik unter Berücksichtigung der strukturierenden prosodischen Verhältnisse sowie der kommunikativen Grundsituation (simulierter Monolog). Im weiteren wird die lückenlose semantische Artikulierung aller vorhandenen syntaktischen Parameter aufgezeigt und auf die emotive und denotative Funktion des Ausdrucks hingewiesen, der durch metasprachliche Zeichenfunktion der musikalischen Figuren fixiert ist. Somit ist hier die Semantik betont pragmatisch determiniert (Figaro eine Identifikation des Komponisten, soziale Konfliktsituation, bis in die biographische Sphäre hineinreichend; Mozart: "Ich wußte nicht, daß ich Kammerdiener wäre, und das brach mir den Hals"). Der Zeichengebrauch wird nach den Normen klassischer Kunstästhetik, im Sinne der aristotelischen Mimesis und Kartharsis, vollzogen. Im Sinne der Lessingschen Komödientheorie steht die Cavatine paradigmatisch für die ganze Oper als ein "ernstes Stück"; der Gegenspieler, der Graf, wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Heiterkeit fungiert als ideologische Waffe, Grundhaltung der Sozialkritik der bürgerlichen Aufklärung. Die Heiterkeit ist hier als dramaturgische Ebene sozialkritisch in bezug auf die bürgerliche Aufklärung determiniert. - Die Überwindung der dualistischen Opposition vokal-instrumental läßt die heuristische Frage entstehen, ob mit denselben intakten semantischen Verhältnissen nicht ebenfalls in Mozarts Instrumentalmusik gerechnet werden muß.

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